Adorno-Zyklus I
Prolog
Diptychon Schönheit
Botticellis Venus steht in einem rostigen Ölfass vor tropischer Strandkulisse. Türkisfarbenes Meer, Palmen und Postkarten-himmel versprechen Urlaubsidylle, doch der Vordergrund ist von Plastikmüll überzogen. Die Venus, Sinnbild für Schönheit und Geburt, wird zur Ikone im Ölbad – halb Göttin, halb Opfer unseres fossilen Lebensstils. Der Titel „All Inclusive“ spielt die Sprache der Tourismusindustrie gegen sich selbst aus: Im Preis inbegriffen sind auch Öl, Müll und zerstörte Strände. Malerische Verführung und ökologische Anklage greifen ineinander; das Bild zeigt, wie sehr wir an den Traum vom Paradies festhalten, obwohl dessen materielle Grundlagen längst vergiftet sind.
Die Sixtinische Madonna mit Jesuskind schwebt in prächtigen Gewändern inmitten graubrauner Wolken – doch die Wolken steigen aus den Schornsteinen eines Kraftwerks. Der Titel „Insence“ spielt auf Weihrauch und „insane“ an: Unsere zeitgenössischen „Räucheropfer“ bestehen aus Abgasen und Emissionen. Die heilige Figur erscheint als Trostbild, das gerade aus den zerstörerischen Produktionsverhältnissen hervorgeht, vor denen es schützen soll. Das Werk stellt damit Religion, Ideologie und Konsumversprechen gleichermaßen infrage und zeigt, wie Heilsbilder zur kosmetischen Hülle einer fossil betriebenen Welt werden.
Triptychon Dürre
Van Goghs Sämann schreitet über einen ausgetrockneten Acker, doch über ihm lodert ein Feuerhimmel, die Leinwand ist an mehreren Stellen verbrannt und geöffnet. Rote und schwarze „Wunden“ fressen sich in Berg und Himmel, als sei die Welt bereits verkohlt. „Let me!“ klingt wie ein letztes Flehen: Noch einmal säen, als gäbe es eine Zukunft. Das Bild konfrontiert den klassischen Symbolträger von Hoffnung und Naturverbundenheit mit einer Landschaft, deren Bedingungen unwiderruflich zerstört sind. Malerische Energie und reale Beschädigung des Trägers verschränken sich zu einer eindringlichen Metapher für die Ohnmacht individueller Anstrengung im Angesicht der Klimakatastrophe.
Zwei rote Rehe nach Franz Marc stehen in einem Wald, der nur noch aus bleichen Stammgerippen besteht. Der Boden wirkt trocken, die Vegetation reduziert, im Hintergrund staffeln sich blaue Hügel. Der traditionsreiche Mythos vom „deutschen Wald“ erscheint hier als entkernte Hülle. Marcs Tiere, einst Symbol einer utopischen Einheit von Tier und Natur, sind zu letzten Restfiguren geworden, ohne Schutz und Deckung. Die kräftige Farbigkeit der Rehe kollidiert mit der Trostlosigkeit ihrer Umgebung. Das Bild zeigt, wie ein kulturell überhöhtes Naturbild im Zeitalter der Klimakrise kippt – vom Sehnsuchtsort zum Zeugnis struktureller Zerstörung.
See - it works !
Appropriation: Die Spaziergängerin
(Claude Monet)
Öl auf Leinwand
140 x 120 cm
2025/26
Eine Spaziergängerin von Monet mit Sonnenschirm steht vor einer Wand aus Feuerfarben. Die Leinwand ist verbrannt, schwarze Untergründe brechen hervor. Der Sonnenschirm, Symbol bürgerlicher Schutzgesten, wirkt angesichts der brennenden Umgebung absurd. „See – it works!“ liest sich wie ein zynischer Kommentar zu technokratischen Beruhigungsformeln: Was „funktioniert“, ist nur die Katastrophe selbst. Das Bild verwandelt die impressionistische Idylle in eine Bühne der Verdrängung. Die malerische Schönheit bleibt, aber sie deckt eine existentielle Gefährdung zu – und macht so sichtbar, wie sehr auch unsere eigenen Schutzrituale Teil des Problems sind.
Triptychon Fluten
All According to Plan
Appropriation: Napoleon
überquert die Alpen (J.L. David)
Öl auf Leinwand,
140 x 120 cm
2026
Die zentrale Figur entstammt Jacques-Louis
Davids berühmtem Gemälde „Napoleon
überquert die Alpen“, in dem der siegreiche
Feldherr auf einem steigenden Pferd
heroisch den Bergpass bezwingt. In dieser
Version reitet Napoleon jedoch nicht durch
felsiges Hochgebirge, sondern direkt in
eine überwältigende Wasserwand hinein.
Die Geste bleibt dieselbe: erhobener Körper,
roter Mantel, der Gestus unerschütterlicher
Kontrolle. Doch die Bühne hat sich radikal
verändert – aus dem triumphalen Alpen-
überstieg ist ein Ritt in die Klimakatastrophe
geworden.
Der Titel „All According to Plan“ legt eine
beißende Ironie frei. Er klingt wie die
Beruhigungsformel politischer und öko-
nomischer Entscheidungsträger, die auch
angesichts eskalierender Krisen behaupten,
alles verlaufe nach Plan. Die Aneignung
des napoleonischen Herrschaftsbildes
verschiebt dieses Pathos in die Gegenwart:
Der historische Mythos des souveränen,
naturbeherrschenden Führers wird zum
Bild einer Macht, die ihre Ohnmacht nicht
wahrhaben will. Zwischen Davids heroischer
Ikone und der tosenden Welle entsteht ein
Spalt, in dem sichtbar wird, dass genau
diese Form von „Planung“ und Fortschritts-
glauben zur Katastrophe geführt hat – und
dennoch weitergeritten wird.
Don't Worry - He's Thinking
Appropriation: Der Denker
(Auguste Rodin)
Öl auf Leinwand, zwei hinterlegte Cut-outs.
140 x 120 cm
2025/26
Der ikonische Denker sitzt nicht mehr auf
seinem sicheren Steinpodest, sondern auf
der letzten schmelzenden Eisscholle inmitten
eines Gebirgssees. Während die Wasser oberfläche in kühlen Blau- und Türkistönen flimmert, glüht der Körper der Figur in unnatürlichem Orange – als wäre das Denken selbst überhitzt. Die alpine
Kulisse, traditionell Projektionsfläche für Erhabenheit und Unberührtheit, zeigt Risse: Aufgeschlitzte Bergflanken geben collagierte Schichten frei, die an Fleischerinnern. Landschaft erscheint
hier als verletzte Haut und gleichzeitig als dünne Oberfläche.
Der sarkastische Titel „Don’t Worry, He’s
Thinking“ kommentiert die Untätigkeit
angesichts der ökologischen Katastrophe.
Denken, das sich selbst genügt, wird zur
Beruhigungsgeste: Man „macht sich
Gedanken“, während Eis, Berge und
Körper bereits in Auflösung begriffen sind.
Das Werk verschränkt Kunstzitat, Klimakrise
und Bildkritik: Es zeigt eine Welt, in der die
großen Gesten des Nachdenkens zu spät
kommen – und in der die Natur nur noch
die dünne, reißbare Oberfläche eines
überhitzten Systems ist.
75 Meters later
Appropriation: Das Floß der Medusa
(Fréderic Géricault) und Die Felsen von Étretat (Eduard Monet)
Öl auf Leinwand,
140 x 120 cm 2026
Der Titel „75 Meter später“ verweist auf
eine konkrete Klimaprognose: Schmilzt das
Eis des Südpols vollständig, steigt der
Meeresspiegel weltweit um rund 75 Meter –
genug, um auch die ikonischen Klippen von
Étretat zu fluten. In diesem Bild treffen
zwei kunsthistorische Appropriationen
aufeinander: Die leuchtende Felsformation
erinnert an Monets Étretat-Ansichten, in
denen das Meer zum Ort des Lichts, der
Atmosphäre, des malerischen Experiments
wird. Gleichzeitig drängt sich im Vorder-
grund das Floß aus Géricaults „Floß der
Medusa“ ins Bild – Sinnbild des kollektiven
Schiffbruchs, der staatlichen Ignoranz und
des nackten Überlebenskampfs.
Zwischen Monet und Géricault entsteht ein
Spannungsfeld: Die romantisch-impressio-
nistische Küstenidylle wird von einer
überwältigenden Welle und einem
überfüllten Floß besetzt, das nicht zur
pittoresken Kulisse passt. Die Erhabenheit
der Natur schlägt in Bedrohung um, und die
historische Katastrophe wird in unsere
Gegenwart verlängert – zu einer Zeit, in
der menschengemachte Klimaveränderung
Millionen Menschen ins Wasser treibt.
„75 Meter später“ zeigt Étretat als
Zukunftsfragment: ein noch sichtbarer,
aber bereits verhandelter Ort, an dem
Kunstgeschichte, Tourismusbild und reale
Katastrophe in einem einzigen Wellensturm
aufeinanderprallen.
Diptychon Ignoranz
No Way - Not Us!
Appropriation: Das Frühstück im Grünen (Eduard Manet)
Öl auf Leinwand,
Denkblasen montiert,
140 x 120 cm
2025
Manets Picknickgesellschaft sitzt im sonnigen Wald, vertieft in eine banale Konversation, die als Denkblase eingeblendet ist. Hinter ihnen frisst sich eine gewaltige Mure aus Wasser und Schlamm durch den Forst, reißt Stühle, Zäune und Pflanzen mit. Die Figuren reagieren nicht; der Satz „No way – not us!“ umschreibt ihre Haltung. Das Bild zeigt die Kluft zwischen bürgerlicher Komfortzone und realer Bedrohung. Gleichzeitig unterlaufen die Denkblasen den Rest von „Hochkunst“-Pathos: Die postautonome, dekorative Appropriation wird durch alltägliche Sprache entblößt. Klimakatastrophe und Kunstbetrieb erscheinen als zwei Ebenen derselben Verdrängungsbewegung.
Caribbean Dreams
Appropriation: Bist du eifersüchtig?
(Paul Gauguin)
Öl auf Leinwand, Sprechblasen
montiert
140 x 120 cm
2025
Gauguins Insulanerinnen ruhen in einer tropischen Landschaft, während hinter ihnen aus einem großen Rohr trübe Flüssigkeit in den Fluss stürzt. Die Farben bleiben verführerisch, die Posen entspannt, doch der Eingriff ist unübersehbar. Sprechblasen in Kreol kreisen um banale Fragen und unterlaufen jede heroische oder exotisierende Lesart. „Caribbean Dreams“ spiegelt touristische und koloniale Projektionen: Der Traum von der unberührten Südsee steht einer Umwelt gegenüber, die bereits massiv vergiftet ist. Das Bild zeigt, wie Bilder von Paradies und Einfachheit weiter zirkulieren, obwohl die Regionen, die sie darstellen, zu den Hauptleidtragenden der globalen Krise gehören.
Epilog
That's it !
Appropriation: Der Wanderer über dem Wolkenmeer
( Caspar David Friedrich )
Öl auf Leinwand
140 x 120 cm
2025
Caspar David Friedrichs Wanderer steht auf einem rötlichen Felsen, doch statt auf ein Nebelmeer blickt er ins All. Vor ihm schwebt ein verletzter Planet, der noch als Erde erkennbar ist, aber von Brand- und Narbenzonen gezeichnet. Der restliche Bildraum ist tiefes Schwarz. Zu seinen Füßen steht ein kleiner roter Feuerlöscher – hilflos angesichts der kosmischen Dimension der Krise. „That’s it!“ wirkt wie ein bitteres Fazit: Kein romantischer Rückzug in die Natur, kein technischer Ausweg, nur die späte Einsicht in das Ausmaß der Zerstörung. Das Bild schließt den Zyklus mit einer konzentrierten, lakonischen Diagnose von Ohnmacht und Endpunkt.
